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Altötting – „Kollegiatstift im Herzen Altbayerns“
Als würdigen Ort für die expandierende Menge an Weihegaben erbaute man um 1510 nördlich des Stiftschors eine Schatzkammer. Dieser Raum wurde im Jahr 2006 anlässlich des Besuches von Papst Benedikt XVI. von der Diözese Passau in eine Anbetungskapelle umgebaut. Bis heute prunkvollstes Stück der Altöttinger Schatzkammer ist das „Goldene Rössl“. Dieses Meisterwerk der Goldschmiede- und Emailkunst entstand 1404 in Paris ursprünglich als Geschenk der französischen Königin Isabella (1371-1435), einer gebürtigen Wittelsbacherin, an ihren Gemahl König Karl VI. Als Pfand gelangte das Reliquiar nach Bayern und wurde wiederum 1509 an das Stift Altötting verpfändet. Etwa zur selben Zeit unterstanden dem Scholaster der Stiftsschule bereits drei Lateinlehrer. 1571 erließ Propst Eisengrein für eine dreiklassige Elementar- und Lateinschule eine neue Studienordnung.
Die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Bayern, Österreich und Salzburg setzten dem Stift schwer zu. 1608 war die Anzahl der Kanoniker auf drei geschrumpft. Etwa zur gleichen Zeit erhielten Kapitel und Propstei separate Mensen. Nicht von Dauer war die Pfründenerhöhung von acht auf zehn im Jahr 1627, wohl aber die zehn Jahre später an der Gnadenkapelle zur Absingung der marianischen Tagzeiten gestifteten sechs Kaplanstellen. „Hofmarkspfarrer“, „Waldpfarrer“ sowie die erwähnten sechs Kapläne stiegen 1672 in den Rang von Kanonikern auf und formierten in der Folge das so genannte jüngere Stiftsgremium. Somit bestanden nunmehr 16 Präbenden, vier blieben im 18. Jahrhundert, mangels eines ausreichenden Einkommens, unbesetzt. Auf die 1676/79 errichteten neuen Chorherrenstöcke folgte zu Anfang des 18. Jahrhunderts eine neue Dechantei. Die Stiftskirche erhielt am Ende des 18. Jahrhunderts eine neue Einrichtung und die Kanoniker bekamen eine violette Chorkleidung nebst Kapitelzeichen.
In der Krypta einer eigenen Kapelle im Kreuzgang des Stiftes ruhen die sterblichen Überreste des bayerischen Heerführers Johann Tzerclaes Reichsgraf von Tilly (1559 – 1632). Der gebürtige Wallone war ein glühender Verehrer der Gnadenmutter von Altötting und wurde 1652 von seinem Sterbeort Ingolstadt überführt. Das wohl bizarrste Ausstattungsstück der Stiftskirche wurde 1634 hergestellt und findet sich bei der Kirchenpforte zum Kapellenplatz: eine hohe Schrankuhr mit dem im Sekundentakt die Sense schwingenden Figürchens des „Toud z´ Eding“ [mundartlich für: „Der Tod von (Alt)Ötting“].
Weder der Furcht einflößende Sensenmann noch
Als Ehrenkanonikatsstift – pensionierte Pfarrer besetzen die Chorherrenstellen – ohne eigenes Vermögen durfte das Stift Altötting 1930 indes eine bescheidene Wiedergeburt feiern.
Politisch hatte das Ende des Chorherrenstifts für die Ortschaft Altötting jedoch einige Bedeutung. Vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert hatte Altötting den Rang einer Stiftshofmark ohne eigenständige Verwaltung. Mit der Säkularisation änderte sich dies: Altötting erlangte als einfache „Ruralgemeinde“ seine erste kommunale Selbstständigkeit, wurde 1845 eine Marktgemeinde und schließlich 1898 zur Stadt erhoben.
(Laura Scherr / Christian Lankes)