Elsa Neumayer geb. 1884 in Augsburg, Vater Kaufmann
Als Elsa 1896 an die »Städtische Töchterschule« kam, die später »Maria-Theresia-Schule« heißen sollte, war ihr Vater Leopold Neumayer (1857–1891) schon gestorben. Ihre Mutter hieß Nanette, geb. Gerstle (1862–1926). Nach Elsa besuchten auch ihre Schwestern Lina und Meta die Töchterschule. Elsa besuchte die Töchterschule von 1896 bis 1900 in den Klassen 1–4; die vierte Klasse war damals die Abschlussklasse. Elsa heiratete 1904 in München den dort ansässigen Kaufmann Martin Max Ambrunn (geb. 1876). Max führte zusammen mit einem, später mit zwei Brüdern ein Geschäft für »Herrenkonfektion nach Maß und Handel mit Herrenkleidern« (zunächst am Karlsplatz, später in der Theatinerstraße 17). Nach der Pogromnacht 1938 wurde das Geschäft geschlossen und dann über ein Jahr lang auf betrügerische Weise liquidiert. »Durch die Taktik des Abwickelns wurde die von den Inhabern der Firma angestrebte Auswanderung verzögert und damit deren Leben akut gefährdet. Das Ende Dezember 1938 noch vorhandene Vermögen von 39 598,– Mark schrumpfte durch die ›Tätigkeit‹ Männers [des Abwicklers] innerhalb eines Jahres auf lediglich noch 4429,– Mark zusammen« (W. Selig). Das Gewerbeamt wurde eingeschaltet, die Auseinandersetzung zog sich hin. Im April 1940 gelang es noch einem der drei Brüder, Ludwig Ambrunn, in die USA auszuwandern. Julius Ambrunn kam in Auschwitz ums Leben. Das Ehepaar Max und Elsa Ambrunn musste seit April 1941 im Internierungslager in der Clemens-August-Straße wohnen. Beide Eheleute wurden am 4. April 1942 nach Piaski in Polen deportiert. Ihre Tochter Brunhilde (geb. 1906) hatte nach Südafrika emigrieren können. Zwei Monate lang, von April bis Juni 1942, lebte auch der Ingenieur Arnold Hindls aus Brno (Brünn) in Piaski – für ihn war dies nur eine Verschleppungsstation von vielen, zwischen Theresienstadt und Ossowo. Über Piaski schreibt er in seinen Erinnerungen (Einer kehrte zurück, 1965): »Piaski, ein kleines Städtchen in der Lubliner Woiwodschaft, ringsum von Sand und Sümpfen und Wald umgeben, ist durch die Staatsstraße Lublin–Cholm (= Chelm) in zwei Teile geteilt, weshalb sich das ehemals große, von etwa dreitausend einheimischen Juden bewohnte Getto zu beiden Seiten der Staatsstraße ausbreitete. Nur waren die beiden Gettoteile jetzt, jeder für sich, mit hohen Bretterzäunen und Stacheldraht eingefriedet, mit großen, ständig bewachten Toren, die nur vormittags und nachmittags je eine Stunde am Tage geöffnet wurden und zur Staatsstraße hin abgeschlossen waren. … Die Häuser des Gettos waren zumeist aus Holz, mit nur kleinen Höfen, ineinandergeschachtelt, vorwiegend ebenerdig, manche einstöckig. … Im Städtchen gab es weder Wasserleitung noch Kanalisierung. Für die rund sechstausend Menschen zählende Belegschaft der beiden Gettoteile … gab es nur einen einzigen Brunnen mit annehmbarem Trinkwasser im südlichen Getto, von dem pro Person und pro Tag nur ein Kübel von zehn Liter Inhalt geholt werden durfte. … Am Rande des südlich gelegenen Gettos, an der Staatsstraße, war in einem geräumigen, solid gebauten Gebäude das Kommando der SS untergebracht, dem das Getto unterstellt war. Von dem Balkon des Gebäudes konnte die SS beide Gettoteile sehr gut beobachten. Bei jedem Besuch dieser ›Herrenmenschen‹ gab es reichlich Ohrfeigen, Fußtritte und Peitschenhiebe, und ›nicht erlaubte‹ Lebensmittel, die ins Getto geschmuggelt worden waren, wurden beschlagnahmt. … An Hunger starben hier täglich zwanzig bis dreißig Menschen, die zu vollkommenen Skeletten abgemagert waren. … Trotz dieser katastrophalen Verpflegungsverhältnisse wurden alle arbeitsfähigen Männer und Frauen täglich gruppenweise zu Erd-, Garten- und Straßenunterhaltungsarbeiten herangezogen … Auch im Getto selbst gab es genug Arbeit, wie die Reinigung und Vertiefung der Abflussgräben und Rigolen, die Errichtung von Latrinen und immer wieder Latrinen, die nie ausreichten.« Im Herbst 1942 wurden einige Juden aus Piaski nach Belzec, die übrigen, etwa 4000, nach Sobibor gebracht und dort ermordet. Sofort wurde das »Ghetto« durch Deportationen erneut belegt. Der Name von Elsa Ambrunn ist auf einer Glastafel der Schoa-Gedenkstätte aufgeführt, die im Augsburger Rathaus zu besichtigen ist (Künstler: Klaus Goth).
NB: Elsas Geburtsname wurde in München (laut dem Biographischen Gedenkbuch) in der Form »Else Neumeyer« notiert.
Siehe Andreas Heusler, Brigitte Schmidt, Eva Ohlen, Tobias Weger u. Simone Dicke, Biographisches Gedenkbuch der Münchner Juden 1933–1945, Bd. 1 (A–L), hrsg. vom Stadtarchiv München, München 2003, S. 56 u. 59.
Literatur: Arnold Hindls, Einer kehrte zurück. Bericht eines Deportierten, Stuttgart 1965, S. 12–32. Wolfram Selig, »Arisierung« in München. Die Vernichtung jüdischer Existenz 1937–1939, Berlin 2004, S. 187–189 (zur Liquidierung der »M. & J. Ambrunn OHG«). |