Hildegard Levinger
geb. 1918 in Augsburg (in den
Schul-Jahresberichten ist kein Geburtsort angegeben), Vater
Fabrikbesitzer, Wohnung Hochfeldstraße 4
Hildegards Vater Siegfried Levinger (geb. 1881 in Hürben) war
Schuhfabrikant und Mitinhaber der Schuhwarengroßhandlung Sigmund
Levinger. Hildegards Mutter hieß Gertrud, geb. Jeidel (geb.
1893). Gertrud starb 1929, noch während Hildegard die Schule
besuchte. Hildegard hatte einen älteren Bruder, Max (geb. 1916).
Hildegard war eine Nichte von
Elsa und
Karoline Levinger und eine Cousine von
Gertrud Türkheimer.
Hildegard besuchte die Maria-Theresia-Schule von 1929
bis 1934 in den Klassen 1–5. Mit 15 Jahren ging sie am 22.
März 1934 ohne Abschluss von der Schule ab. Durch die
antijüdischen Boykotte war 1933 der Absatz der Fabrik ihres
Vaters und seines Bruders eingebrochen, 1935 wurde die Firma
durch Zwangsversteigerung aufgehoben. Hildegard wurde
Kontoristin und zog Anfang 1936 nach München. Seit 1938
bemühte sie sich vergeblich um eine Emigrationsmöglichkeit.
Im Mai 1939 wurde sie mit einer Passsperre belegt, weil sie
die »Judenvermögensabgabe« noch nicht geleistet hatte. Im
Juli 1940 heiratete Hildegard den kaufmännischen
Angestellten Walter Wilmersdörfer (geb. 1909). Am 4. April
1942 wurde das Ehepaar nach Piaski in Polen deportiert.
Hildegard ist für tot erklärt.
Zwei Monate lang, von April bis Juni 1942, lebte auch der Ingenieur
Arnold Hindls aus Brno (Brünn) in Piaski – für ihn war dies
nur eine Verschleppungsstation von vielen, zwischen Theresienstadt
und Ossowo. Über Piaski schreibt er in seinen Erinnerungen (Einer
kehrte zurück, 1965): »Piaski, ein kleines Städtchen in
der Lubliner Woiwodschaft, ringsum von Sand und Sümpfen und
Wald umgeben, ist durch die Staatsstraße Lublin–Cholm (= Chelm)
in zwei Teile geteilt, weshalb sich das ehemals große, von etwa
dreitausend einheimischen Juden bewohnte Getto zu beiden Seiten
der Staatsstraße ausbreitete. Nur waren die beiden Gettoteile
jetzt, jeder für sich, mit hohen Bretterzäunen und Stacheldraht
eingefriedet, mit großen, ständig bewachten Toren, die nur vormittags
und nachmittags je eine Stunde am Tage geöffnet wurden und zur
Staatsstraße hin abgeschlossen waren. … Die Häuser des Gettos
waren zumeist aus Holz, mit nur kleinen Höfen, ineinandergeschachtelt,
vorwiegend ebenerdig, manche einstöckig. … Im Städtchen gab
es weder Wasserleitung noch Kanalisierung. Für die rund sechstausend
Menschen zählende Belegschaft der beiden Gettoteile … gab es
nur einen einzigen Brunnen mit annehmbarem Trinkwasser im südlichen
Getto, von dem pro Person und pro Tag nur ein Kübel von zehn
Liter Inhalt geholt werden durfte. … Am Rande des südlich gelegenen
Gettos, an der Staatsstraße, war in einem geräumigen, solid
gebauten Gebäude das Kommando der SS untergebracht, dem das
Getto unterstellt war. Von dem Balkon des Gebäudes konnte die
SS beide Gettoteile sehr gut beobachten. Bei jedem Besuch dieser
›Herrenmenschen‹ gab es reichlich Ohrfeigen, Fußtritte und Peitschenhiebe,
und ›nicht erlaubte‹ Lebensmittel, die ins Getto geschmuggelt
worden waren, wurden beschlagnahmt. … An Hunger starben hier
täglich zwanzig bis dreißig Menschen, die zu vollkommenen Skeletten
abgemagert waren. … Trotz dieser katastrophalen Verpflegungsverhältnisse
wurden alle arbeitsfähigen Männer und Frauen täglich gruppenweise
zu Erd-, Garten- und Straßenunterhaltungsarbeiten herangezogen
… Auch im Getto selbst gab es genug Arbeit, wie die Reinigung
und Vertiefung der Abflussgräben und Rigolen, die Errichtung
von Latrinen und immer wieder Latrinen, die nie ausreichten.«
Im Herbst 1942 wurden einige Juden aus Piaski nach Belzec, die
übrigen, etwa 4000, nach Sobibor gebracht und dort ermordet.
Sofort wurde das »Ghetto« durch Deportationen erneut belegt.
Hildegards Vater Siegfried Levinger ist spätestens 1939 nach
Italien (Mailand) emigriert. Er starb 1962.
Hildegards Bruder Max ging 1938 nach Italien, später nach Curitiba,
Brasilien, wo seine Tante Elsa Türkheimer lebte, schließlich
nach New York, wo er 1949 starb.
Der Name von Hildegard Wilmersdörfer ist auf einer Glastafel
der Schoa-Gedenkstätte aufgeführt, die im Augsburger Rathaus
zu besichtigen ist (Künstler: Klaus Goth).
Siehe Andreas Heusler, Brigitte Schmidt, Eva Ohlen,
Tobias Weger u. Simone Dicke unter Mitarbeit von Maximilian
Strnad, Biographisches Gedenkbuch der Münchner Juden 1933–1945,
Bd. 2 (M–Z), hrsg. vom Stadtarchiv München, München 2007, S.
777f.
Literatur:
Arnold Hindls, Einer kehrte zurück. Bericht eines
Deportierten, Stuttgart 1965, S. 12–32. Maren
Janetzko, »Anfänge der ›Arisierung‹ in Augsburg«, in:
Michael Cramer-Fürtig, Bernhard Gotto (Hrsg.),
»Machtergreifung« in Augsburg. Anfänge der NS-Diktatur
1933–1937, Augsburg 2008, S. 159–166, hier S. 161 (zur
Abwicklung der Schuhfabrik Levinger). |