»Spurensuche«. Die jüdischen Schülerinnen und die Zeit des Nationalsozialismus an der Maria-Theresia-Schule Augsburg                      
   
 
 
„Einer muss gehen und sich retten, um später erzählen zu können, wer die Familie Weil war.“ Das hatte Amalie Weil ihrem Sohn Arie gesagt, als sie ihn 1939, kurz nach dem Tod des Vaters aus seiner Heimatstadt Augsburg nach Palästina schickte. Seine Mutter und seine Schwestern Gertrud und Marianne wurden nach Auschwitz deportiert und kamen dort ums Leben. Arie Weil war der einzige, der den Holocaust überlebte und erzählen konnte, wer die Familie Weil war. Sehr spät in seinem Leben ist ihm das auf außergewöhnliche Weise gelungen. In der „Spurensuche“ des Maria-Theresia-Gymnasiums Augsburg war seine Schwester Marianne die Hauptprotagonistin – und Arie erzählte nun, wer die Weils waren: Der Vater Siegfried Weil, der in Oxford Maschinenbau studiert hatte und in Augsburg die Firma Gebr. Demharter Landmaschinenbau betrieb, die Mutter Amalie, von der die Tochter Marianne die künstlerische Begabung geerbt hatte, Gertrud, die Krankenschwester wurde - eine bürgerliche Familie aus Augsburg, in die das Grauen einbrach.

Gestern erreichte uns die Nachricht, dass Arie Weil im Alter von 90 Jahren in Israel gestorben ist. Wir sind traurig über seinen Tod, aber wir sind auch glücklich, diesen lebensfrohen, warmherzigen, zugewandten Menschen kennengelernt zu haben.
 

Die Website präsentiert die von der Projektgruppe »Spurensuche« des Augsburger Maria-Theresia-Gymnasiums in den Jahren 2003–2008 erarbeitete Dokumentation und die zugehörige Ausstellung. Die derzeit bekannten 205 jüdischen (und »halbjüdischen«) Schülerinnen, die in der Zeit von 1895 bis 1938 die Maria-Theresia-Schule besuchten, werden mit Kurzbiografien, Bild- und Archivmaterial vorgestellt. Mit dieser Dokumentation wird auch ein eindrucksvoller Bestandteil Augsburger Stadtgeschichte, der radikal zerstört wurde, wieder greifbar. Als exemplarisches Schicksal steht das Leben von Marianne Weil im Mittelpunkt, die in Auschwitz gestorben ist. Zeitzeugeninterviews, die Chronik des Schullebens unter dem NS-Regime, in der sich die zunehmende Entrechtung und Ausgrenzung der jüdischen Schülerinnen und ihrer Familien widerspiegelt, aber auch die Resonanz auf die erstmals im November 2005 im Maria-Theresia-Gymnasium gezeigte Ausstellung vervollständigen das Angebot.

Den institutionellen Rahmen des von Peter Wolf initiierten und betreuten Projekts bildete der Wahlunterricht »Politik und Zeitgeschichte« im Schuljahr 2004/05. Die Ergebnisse dieses Schülerprojekts zu bewahren und einer großen Öffentlichkeit zugänglich zu machen, aber auch etwas von der besonderen Arbeitsatmosphäre zu dokumentieren, ist das Ziel dieser Internetseite. Das Design greift die Gestaltungsidee der Ausstellung auf und stellt die Themen auf einer Art Schultafel vor, die die Besucher entlang gehen können.

Die elektronische Version der Ausstellung ist auf dieser Website im Menü Spurensuche dokumentiert.

 

Viele der ausgestellten Fotos und Dokumente wurden der Projektgruppe von privaten Leihgebern überlassen. Andere stammen aus den Archiven des Maria-Theresia-Gymnasiums (»MT«) oder des A.B. von Stettenschen Instituts (»Stetten«) – beide Augsburger Lehranstalten hatten noch einige Jahre nach 1933 jüdische Mädchen unter ihren Schülerinnen. Die Herkunft weiterer Abbildungen sowie von Zitaten wird in der Ausstellung meist mit Kurztiteln belegt. Die vollständigen Angaben sind im Folgenden aufgeführt:

Irmgard Hirsch-Erlund, Irmgard. Eine jüdische Kindheit in Bayern und eine Vertreibung, hrsg. von G. Römer, Augsburg 1999.

Ingeborg Oppel Urcia, Mutti war Jüdin. Eine Kindheit im Dritten Reich, hrsg. von Gernot Römer, Augsburg 2004.

Gernot Römer, Die Austreibung der Juden aus Schwaben. Schicksale nach 1933 in Berichten, Dokumenten, Zahlen und Bildern, Augsburg 1987.

Gernot Römer, Mitarbeit Ellen Römer, Der Leidensweg der Juden in Schwaben. Schicksale von 1933 bis 1945 in Berichten, Dokumenten und Zahlen, Augsburg 1983.

Gernot Römer, »Jüdisch versippt«. Schicksale von »Mischlingen« und nichtarischen Christen in Schwaben, Augsburg 1996.

  Gernot Römer, Schwäbische Juden. Leben und Leistungen aus zwei Jahrhunderten in Selbstzeugnissen, Berichten und Bildern, Augsburg 1990.

Otto Schwerdt, Mascha Schwerdt-Schneller, Als Gott und die Welt schliefen, Viechtach 1998.

Auch an anderen deutschen Schulen gingen oder gehen Arbeitsgruppen den Schicksalen der früheren jüdischen Schüler nach. Einige solcher Projekte sind am Anfang unserer Liste von Web-Links aufgeführt. In gedruckter Form sind folgende Projekte dokumentiert:

Bamberg
Ursula Schember, Stephan Link, Jens-Peter Kurzella, Nobert Hirschmann, Wolfgang Budde (Hrsg.), Erinnerung an jüdische Schülerinnen und Schüler Bambergs. Ein Schülerprojekt der Berufsoberschule Bamberg, des Eichendorff-Gymnasiums Bamberg und des Franz-Ludwig-Gymnasiums Bamberg, Bamberg 2001.

Darmstadt
Ulrike Klein, Beate Kosmala, Sophie Söll, Anja Dittmann (Hrsg.), Tobias Dette, Rouven Kunitsch, Thomas Lange (Mitarb.), Jüdische Schüler am Darmstädter Ludwig-Georgs-Gymnasium in den zwanziger und dreißiger Jahren, Darmstadt 1992.

  Beate Kosmala, »Auch die eigene Schule hat eine Geschichte. Ein Projekt über jüdische Schüler«, in: Thomas Lange (Hrsg.), Geschichte selbst erforschen. Schüler arbeiten im Archiv, Weinheim – Basel 1993; nachgedruckt in: Gottfried Kößler, Guido Steffens, Christoph Stillemunkes (Hrsg.), Spurensuche. Ein Reader zur Erforschung der Schulgeschichte während der NS-Zeit, Frankfurt a. M. 1998, S. 53–57.

Frankfurt a. M.
Spurensuche-AG der Wöhlerschule, Martin Hilgenfeld (Hrsg.), Lebensspuren. Jüdische Wöhlerschüler – Opfer des Terrors 1938–1945. Begleitheft zur Ausstellung der Spurensuche-AG der Wöhlerschule Frankfurt a. M., Frankfurt a. M. 2001.

Kassel
Dietrich Heither, Wolfgang Matthäus, Bernd Pieper, Als jüdische Schülerin entlassen. Erinnerungen und Dokumente zur Geschichte der Heinrich-Schütz-Schule in Kassel, Kassel 1984.

Nürnberg
Arbeitsgemeinschaft Schulgeschichte des Städtischen Sigena-Gymnasiums Nürnberg unter der Leitung von Wolf Hergert (Hrsg.), »Verfolgt, vertrieben, ermordet«. Das Schicksal der Jüdinnen an einer Nürnberger Oberschule 1933–1945, Nürnberg 2007.

  Regensburg
Michael Wabra (Hrsg.), Zum Gedenken an unsere ehemaligen jüdischen Schülerinnen, die Opfer des Nationalsozialismus geworden sind. Eine Broschüre zur Geschichte des Von-Müller-Gymnasiums in den Jahren 1933 bis 1936, erstellt von der Arbeitsgruppe Geschichtswerkstatt der SMV des Von-Müller-Gymnasiums, Regensburg 1987.

Wien
Martin Krist, Vertreibungsschicksale. Jüdische Schüler eines Wiener Gymnasiums 1938 und ihre Lebenswege. Mit einem Vorwort von Erich Hackl, Wien 1999; 2., erw. Aufl. 2001.

Weitere Publikationen über jüdische Schüler während der nationalsozialistischen Herrschaft:

Berlin
Larissa Dämmig, »Jüdische Schüler und Lehrer an der Königstädtischen Oberrealschule«, in: Bezirksamt Pankow von Berlin, Kulturamt / Prenzlauer Berg Museum für Heimatgeschichte und Stadtkultur (Hrsg.), Bernt Roder (Konzeption u. Projektleitung), Schule zwischen gestern und morgen. Beiträge zur Schulgeschichte von Prenzlauer Berg, Berlin 2002, S. 50–66.
Birgit Kirchhöfer, »Für und wider eine neue Schule. Die jüdische Schule in der Rykestraße«, ebd., S. 372–394.

 

Düsseldorf
Landeshauptstadt Düsseldorf, Stadtmuseum (Hrsg.), Verjagt, ermordet. Zeichnungen jüdischer Schüler, 1936–1941, Düsseldorf 1988.

Hamburg
Reiner Lehberger, Christiane Pritzlaff, Ursula Randt, Entrechtet – vertrieben – ermordet – vergessen. Jüdische Schüler und Lehrer in Hamburg unterm Hakenkreuz, Hamburg 1988; 2. Aufl. 1991.