Biografien   Selma Rosenfelder
Selma Rosenfelder
geb. 1906 (fälschlich 1907) in Augsburg, Vater Kaufmann, Maximilianstraße

Selmas Vater hieß Heinrich Rosenfelder (geb. 1865), ihre Mutter Sophie, geb. Reiter (geb. 1873 in Buttenwiesen). Heinrich Rosenfelder führte ein Bekleidungshaus in der Maximilianstraße (heute Nr. 28: zwischen dem Chor von St. Moritz und dem früheren Kino »Filmpalast«). Das Ehepaar bekam zwischen 1897 und 1907 sechs Kinder, von denen drei Mädchen – Franziska, Jakobine und Selma – die Maria-Theresia-Schule besuchten; die anderen drei Kinder hießen Wilhelm (Willy), Max und Frieda (Friedel).
Selma war das jüngste der sechs Geschwister Rosenfelder. Als ihr Vater Heinrich 1918 starb, besuchte sie noch die Schule. An der Maria-Theresia-Schule verbrachte Selma nur ein Jahr, 1919/20 in Klasse 2a.
Selma wohnte eine Zeit lang in Berlin und zog 1934 zu ihrer Mutter Sophie, die nach München übergesiedelt war. In München wohnte auch Selmas Schwester Franziska, verh. Steinberg, mit ihrer Familie. Franziskas Sohn Herman Stone schreibt in einem Brief vom 28. Juni 2005 über Selma:
»She was my favorite aunt. She was nice to everyone but I think I became her favorite. She had a great sense of humor and always seemed to enjoy whatever activity was going on and she maintained her humor even as our conditions became worse and worse.«
Im Juli 1939 heiratete Selma den Ingenieur Stefan Sänger (geb. 1897 in Augsburg). Stefan hatte 1923 eine Protestantin geheiratet, von der er 1939 geschieden wurde. Er war Mitinhaber der Augsburger Hoch- und Tiefbaufirma »Kleofaas & Knapp« gewesen. Die Firma wurde 1938 »arisiert«.
Der Kriegsbeginn 1939 verhinderte die Emigration des Ehepaars Sänger und von Selmas Mutter Sophie in die USA. Sophie wurde im Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert; Selma und Stefan entschlossen sich, sie zu begleiten.
Sophie Rosenfelder hat 1945 aufgezeichnet, wie es ihr selbst, ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn im Lager ergangen ist (Theresienstadt 42–45).
Von Theresienstadt aus wurde das Ehepaar Sänger 1944 im Abstand von fünf Tagen nach Auschwitz deportiert, Stefan am 1. Oktober, Selma am 6. Oktober.
Selmas Mutter Sophie erlebte 1945 die Befreiung des Lagers Theresienstadt und kam 1947 in die USA zu den Familien ihrer Töchter Franziska (Stone) und Jakobine (Benjamin). 1956 ist Sophie in New York gestorben.
Selmas Schwester Friedel heiratete 1925 Dipl. Ing. Hugo Traubner. Das Ehepaar wohnte in Arnstadt (Thüringen). Später emigrierte die Familie mit zwei Kindern nach England, nach dem Krieg in die USA. Friedel ist 1969 gestorben.
Selmas Neffe Henry Stone heiratete Hertha Frank.
Der Name von Selma Sänger ist auf einer Glastafel der Schoa-Gedenkstätte aufgeführt, die im Augsburger Rathaus zu besichtigen ist (Künstler: Klaus Goth).

(Diese Kurzbiografie beruht hauptsächlich auf Angaben von Joan Stone und von ihrem Schwager, Selmas Neffen Herman Stone.)

NB
: Mit Ausnahme des Schul-Jahresberichts geben die Quellen als Selmas Geburtsjahr 1906 an, und laut Auskunft der Familie (durch Joan Stone) ist diese Angabe die richtige.

Siehe Andreas Heusler, Brigitte Schmidt, Eva Ohlen, Tobias Weger u. Simone Dicke unter Mitarbeit von Maximilian Strnad, Biographisches Gedenkbuch der Münchner Juden 1933–1945, Bd. 2 (M–Z), hrsg. vom Stadtarchiv München, München 2007, S. 392f.

Literatur:
Sophie Rosenfelder, Theresienstadt 42–45 (Brief mit Tagebuchauszügen, Abschrift Konradshofen 1945), in: Peter Wolf (Hrsg.), Spuren. Die jüdischen Schülerinnen und die Zeit des Nationalsozialismus an der Maria-Theresia-Schule Augsburg. Ein Bericht der Projektgruppe »Spurensuche« des Maria-Theresia-Gymnasiums, Augsburg 2005, S. 62–65; auch auf dieser Website (s.u.).
Bernhard Gotto, »Der Augsburger Oberbürgermeister Josef Mayr in der NS-Zeit«, in: Andreas Wirsching (Hrsg.), Nationalsozialismus in Bayerisch-Schwaben. Herrschaft – Verwaltung – Kultur, Ostfildern 2004, S. 89–125, hier S. 109–112 (zur Politik der Vergabe von städtischen Bauaufträgen an die Firma »Kleofaas & Knapp« 1934–1938).

Zeitzeugen – Briefe und Erinnerungen:
Bei der Eröffnung der Ausstellung im Maria-Theresia-Gymasium trug die Schauspielerin Karla Andrä den Brief Theresienstadt 42–45 vor, den Selmas Mutter Sophie Rosenfelder im Mai 1945 nach der Befreiung aus Theresienstadt an ihre Kinder und Enkel gerichtet hat.

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